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Otto Busse
Ein gekürzter Artikel von Schmuel Hauser,
Berichterstatter des Al HaMischmar
Haifa, 14.10.1961
![]() Otto Busse (1901 – 1980) auf dem Dach seines Hauses in Nes Ammim im Jahre 1970. Heute arbeiten im „Busse House“ Volontäre. Aus dem Wohnhaus sind Büros geworden.
Otto Busse, ein Deutscher, ein Menschenfreund, welcher während des Zweiten Weltkrieges viel für die Rettung von Juden getan und sein eigenes Leben in Gefahr gebracht hat, um mit jüdischen Kämpfern und Partisanen in Bialystok zusammen zu arbeiten. Er ist gestern an Bord des Schiffes „Moledet“ in Israel angekommen. Er ist Gast von Chasia Bielicka-Bornstein im Kibbuz Lehawot HaBaschan und von Chaijka Grossmann aus dem Kibbuz Evron.
Das Wiedersehen zwischen dem Menschenfreund und den beiden Frauen war ergreifend, nachdem sie einander seit dem Ende des Krieges nicht gesehen hatten, als die beiden in die Wälder gingen und er, Otto Busse, nicht mit ihnen gehen wollte, um ihnen nicht zur Last zu fallen. ![]() Otto Busse und seine Frau Erna.
„Judendiener“
Otto Busse, aus Tilsit in Ostpreußen stammend, war bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im Lackier – und Anstreichergewerbe tätig. Als bereits 1933 in seiner Heimatstadt Schaufenster jüdischer Geschäfte mit Teer und nazistischen Beschimpfungen beschmiert wurden, war er dagegen und reinigte eigenhändig die von seinen Volksgenossen beschmutzten Fensterscheiben – was ihm die Beschimpfung „Judendiener“ eintrug. Bei Ausbruch des Krieges wurde er zur Reserve der Polizei mobilisiert. Während des Krieges war Otto Busse als Zivilist verantwortlicher Leiter der Anstreicharbeiten in den Krankenhäusern der Wehrmacht und der Militärlager. Als unabkömmlich für die Wirtschaft wurde er aus dem Dienste von Militär und Polizei befreit. Bei ihm waren deutsche, polnische und jüdische Arbeiter angestellt. Diese wohnten zwar im Ghetto, aber es war damals noch erlaubt, sie zu beschäftigen. Im August 1943, als das Ghetto Bialystok liquidiert wurde, waren keine jüdischen Arbeiter mehr da, und er beschäftigte nur Deutsche und Polen. Zu dieser Zeit wohnten Chasia und Chaijka, welche mit arischen Dokumenten ausgestattet waren, bei einer polnischen Familie. ![]() Otto Busse bei seinem ersten Besuch in Nes Ammim. ![]() Otto Busse und Freunde vor der "Old Laundry" in Nes Ammim.
Eine zufällige Begegnung
An einem Sonntag kam Otto Busse in die Wohnung der polnischen Familie, wo Chasia und Chaijka wohnten, um ein Zimmer für einen seiner polnischen Arbeiter zu suchen. Chasia und Chaika erschraken sehr, denn sie wussten, dass Busse berechtigt war, sie aus ihrem Zimmer zu vertreiben und es dem polnischen Arbeiter zu geben. Sie waren über das höfliche Benehmen des Deutschen Busse erstaunt, denn er sagte ihnen, da sie das Zimmer bewohnten, wolle er sie nicht vertreiben. Chaijka, die in Bialystok geboren war, hatte durch ihre Freundin Bluma Ehrenkranz nur Gutes über den Deutschen Otto Busse gehört, da sie bei ihm bis zum August 1943, bis zur Liquidierung des Ghettos, gearbeitet hatte. In jüdischen Kreisen war es bekannt, dass Otto Busse sich zu seinen jüdischen Arbeitern gut benommen hatte und dass er ihnen gelegentlich geholfen hatte, Nahrungsmittel ins Ghetto zu schmuggeln. Chajka erzählte Chasia, was sie über Otto Busse wusste, und beide beschlossen, dass die arbeitslose Chasia Otto Busse um eine Beschäftigung bitten sollte. Als Chasia zum ersten Mal mit Busse in dessen Büro zusamentraf, erzählte Busse ihr über Bluma Ehrenkranz, eine jüdische Arbeiterin, die seit der Vernichtung des Ghettos verschwunden war. Er lobte die jüdische Arbeiterin und Chasia wagte es, ihm zu erzählen, dass Bluma ihre Schulkollegin und eine ausgezeichnete Schülerin gewesen sei. Als Busse aus dem Munde einer Polin (er hielt Chasia für eine Polin) ein Lob über eine jüdische Arbeiterin hörte, beschloss er sofort, sie einzustellen, denn er fand, sie sei vor allem ein Mensch, der auch Juden zu schätzen wusste. Busse bestimmte, dass Chasia bei ihm im Büro arbeiten sollte. ![]() „Allen Gewalten zum Trotz. – Unserm Widerstandskämpfer Otto Busse“ steht auf der Tafel, die die Bialystoker Partisanen ihm geschenkt haben. Heute hängt die Tafel am Eingang zum Busse House.
Im Einvernehmen mit der jüdischen Untergrundbewegung
Während eines Gespräches erwähnte Busse, dass, wenn er wüsste, wo sich seine frühere Beamtin Bluma Ehrenkranz befinde, er hinfahren würde, um sie zu retten. In dieser Zeit erfuhr Chasia, dass in Majdanek Genossen aus der Untergrundbewegung von Bialystok waren, mit denen sie zusammengearbeitet hatte. Es wurde beschlossen, eine Genossin nach Majdenek zu schicken, die versuchen sollte, diese Genossen zu retten. Chasia veranlasste Busse, der mit der Mission beauftragten Genossin die nötige Reisebewilligung mit Hilfe von Bestechung zu beschaffen, was ihm auch gelang.
Die große Enthüllung
Als nach einem dieser Besuche Chasia zur Arbeit kam, fragt Busse sie über ihre Beziehung zu Juden, und sie gestand, dass sie und Chajka Jüdinnen sind. Busse brach in Tränen aus und rief: “Ihr habt euch gerettet, vielleicht kann ich auch Euren Familien helfen?“ Von da an duldete er nicht mehr, dass sie irgendein deutsches Regierungsamt betraten, damit sie sich nicht in Gefahr brächten, sondern ging selbst hin.
Hilfe für die Untergrundbewegung
Nach und nach wurde Otto Busse in die Tätigkeiten der jüdischen Untergrundbewegung eingeführt. Er besorgte Waffen zur Selbstverteidigung der Kämpfer, warme Kleidung, Medikamente und das alles auf seine eigenen Kosten. Busse kam auch zu einer Zusammenkunft der Partisanen in ihrem Hauptquartier im Wald. Er stellte sein Büro für die Nachstunden zur Verfügung Auf seiner Schreibmaschine wurden antifaschistische Zirkulare geschrieben, die später verbreitet wurden. Darüberhinaus stellte er der Untergrundbewegung eine Wohnung über seinem Büro zur Verfugung zum Versteck von Waffen und Juden.
Furcht vor heutigen Nazis
Otto Busse ist ein bescheidener Mensch. Man hat das Gefühl, dass er nicht alles erzählen will, da er doch bald nach Deutschland zurückkehrt. Unwillkürlich erinnert man sich an die Zeugenaussage des Geistlichen Dr. Grüber im Eichmann Prozess, als er nicht die Deutschen, welche Juden geholfen hatten, namentlich aufzählen wollte, damit es ihnen im heutigen Deutschland nicht schadet. Otto Busse erzählt: „ Als ich die Vernichtung des Ghetto Bialystok sah, war ich versucht, gemeinsam mit den Juden in den Tod zu gehen, denn wir sind alle Mitglieder einer großen Familie, der Familie des Menschen. Doch schließlich kam es mir zu Bewusstsein, dass ich dadurch zwar mein Gewissen beruhigen, aber nichts zur Rettung der Juden tun könnte.“ Damals beschloss Busse Juden zu retten. Otto Busse wollte nicht den Untergrund-Kämpfern zur Last fallen. Daher schloss er sich ihnen nicht an, als sie in die Wälder gingen. Im Jahre 1944 fiel er in russische Kriegsgefangenschaft und erst im Jahre 1949 kehrte er nach Darmstadt bei Frankfurt am Main, Westdeutschland, zurück. Seither fragte und forschte er nach dem Schicksal von Chasia und Chajka, und seit Anfang dieses Jahres wurde die Verbindung wieder hergestellt.
Das Büro der Sochnut zur Auffindung von Verwandten
Erst bei ihrem Abschied von Busse zu Ende des Krieges nannten ihm Chajka und Chasia ihre richtigen Namen. Er merkte sich dieselben und durch die Abteilung in der Sochnut zur Auffindung von Verwandten fand Busse die beiden Frauen und diese beeilten sich ihn einzuladen. „Ihr steht mir näher als meine Familie“, sagte er bewegt zu seinen Gastgeberinnen, bevor er nach Lehawot HaBaschan aufbrach, wo er den ersten Schabbat auf dem Boden von Israel verbringen wollte. ![]() ![]() |





















